Über 4.400 Notrufe in einem Jahr – Was steckt dahinter?
Das Jahr 2025 war für viele Frauen in Niederösterreich ein Jahr voller Herausforderungen und Notlagen. Über 4.400 Anrufe beim NÖ Frauentelefon sprechen eine deutliche Sprache. Doch was bewegt Frauen dazu, in einer der emotionalsten Zeiten des Jahres, den Hörer in die Hand zu nehmen und um Hilfe zu bitten?
Die stille Krise hinter verschlossenen Türen
Während die meisten von uns die Weihnachtszeit mit Freude und Hoffnung verbinden, sieht die Realität für viele Frauen ganz anders aus. Konflikte in der Partnerschaft oder in der Familie, die während des restlichen Jahres vielleicht noch unterdrückt werden können, brechen in dieser Zeit oft unkontrolliert aus. Frauen, die in ihrem eigenen Zuhause Gewalt erfahren, sehen sich häufig mit Scham und Angst konfrontiert, die sie daran hindern, Hilfe zu suchen. Doch genau hier setzt das NÖ Frauentelefon an.
- Anonymität: Der Anruf ist anonym, was den ersten Schritt erleichtert.
- Niederschwelligkeit: Es braucht keine Anmeldung oder Registrierung, um Hilfe zu bekommen.
- Kompetente Beratung: Die Beraterinnen sind geschult, um in Krisensituationen zu helfen.
Ein bewährtes Konzept seit 2005
Seit seiner Gründung im Jahr 2005 hat sich das NÖ Frauentelefon als unverzichtbare Stütze für Frauen in Krisensituationen erwiesen. In diesem Jahr wurden bis Ende November bereits 4.407 Anrufe registriert. Ein beeindruckender Anstieg im Vergleich zu den 4.343 Anrufen im Jahr 2024. Doch was hat sich geändert?
Psychische Gewalt im Fokus
Ein Großteil der Anruferinnen berichtet von psychischer Gewalt. Abwertungen, Demütigungen und Einschränkungen der Selbstbestimmung sind häufige Themen. Die psychische Gewalt ist oft subtiler und schwerer zu erkennen als physische Gewalt, was sie nicht weniger gefährlich macht. Die Beratung bietet den Frauen nicht nur emotionale Unterstützung, sondern auch rechtliche Informationen und konkrete Schutzmaßnahmen, wie Betretungs- und Annäherungsverbote.
Vergleich mit anderen Bundesländern
Ein Blick über die Grenzen Niederösterreichs zeigt, dass ähnliche Einrichtungen auch in anderen Bundesländern existieren, jedoch nicht immer mit der gleichen Intensität genutzt werden. In Wien beispielsweise gibt es ebenfalls ein dichtes Netz an Unterstützungsangeboten, doch die Anrufzahlen sind aufgrund der urbanen Struktur und der höheren Bevölkerungsdichte anders verteilt. In ländlichen Gebieten, wie in der Steiermark oder Kärnten, sind die Herausforderungen oft andere: Die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, ist aufgrund der geringeren Anonymität höher.
Warum Niederösterreich eine Vorreiterrolle einnimmt
Niederösterreich hat es geschafft, ein Netzwerk zu etablieren, das sowohl städtische als auch ländliche Regionen effektiv abdeckt. Mit zehn Frauenberatungsstellen und sechs Frauenhäusern wird ein breites Spektrum an Unterstützung angeboten. Diese Infrastruktur ist besonders wichtig, um schnelle und unkomplizierte Hilfe zu gewährleisten.
Die Rolle der Politik und Gesellschaft
Die Unterstützung gewaltbetroffener Frauen ist nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Frauen-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister betont die Wichtigkeit verlässlicher Anlaufstellen, die auch während der Feiertage erreichbar sind. Dies zeigt, dass der politische Wille vorhanden ist, das Thema ernst zu nehmen und kontinuierlich daran zu arbeiten, die Angebote zu verbessern.
Ein Blick in die Zukunft
Die steigenden Anrufzahlen sind ein klares Signal, dass der Bedarf an Unterstützung nicht abnimmt. Im Gegenteil, die Herausforderungen werden vielfältiger. Themen wie Obsorge und Kontaktrecht rücken zunehmend in den Vordergrund. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, plant das Land Niederösterreich, die Angebote weiter auszubauen und die Vernetzung der bestehenden Einrichtungen zu intensivieren.
Expertenmeinungen zur aktuellen Situation
Lukas Brandweiner, Präsident des Hilfswerks Niederösterreich, unterstreicht die Bedeutung des Frauentelefons: „Jede Frau hat ein Recht auf Sicherheit. Der Schritt, über Gewalterfahrungen zu sprechen, ist oft schwer, aber notwendig. Unsere Mitarbeiterinnen sind da, um diesen Schritt zu erleichtern.“ Diese Aussage zeigt, wie wichtig Empathie und Professionalität in der Beratung sind.
Konkrete Auswirkungen auf die Bürger
Für die betroffenen Frauen bedeutet das Angebot des Frauentelefons eine Möglichkeit, aus einer belastenden Situation auszubrechen. Aber auch für die Gesellschaft hat es weitreichende Konsequenzen. Jede Frau, die sich aus einer gewaltsamen Beziehung befreit, trägt dazu bei, dass Gewalt in der Gesellschaft weniger akzeptiert wird. Das Bewusstsein dafür, dass Hilfe existiert und angenommen werden kann, ist ein wichtiger Schritt hin zu einer sichereren und gerechteren Gesellschaft.
Was können Sie tun?
Jeder Einzelne kann dazu beitragen, das Thema Gewalt an Frauen zu enttabuisieren. Sprechen Sie darüber, seien Sie aufmerksam und unterstützen Sie Betroffene, indem Sie ihnen Mut machen, Hilfe zu suchen. Die Telefonnummer 0800/800 810 bietet einen ersten Schritt zur Unterstützung.